Der rechte Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen wächst auf Youtube derzeit rasant. Grund dafür ist ein virales Video, in dem er behauptet, Bill Gates würde heimlich die Bundesregierung kontrollieren. Keine Frage: Verschwörungstheorien sind der Trend der Stunde auf Youtube. Doch wie stoppt man den gefährlichen Irrsinn?

KenFM geht viral

Ein Blick auf Social Blade zeigt, welche Gefahr sich da gerade zusammenbraut.

(Anm. von mir: Alle Zahlen in diesem Beitrag sind Stand 15.5.2020)

KeFm, Ken Jebsen, Socialblade

Die Kurven für neue Abonnenten und die Videoabrufe von KenFM zeigen seit Beginn der Corona-Krise Anfang März steil nach oben. 25.000 neue Abonnenten pro Woche gewinnt der Kanal des Holocaustleugners hinzu. Dieses schnelle Wachstum ist einer der wichtigsten Faktoren, um einen Kanal langfristig im Algorithmus der Plattform festzusetzen und dauerhaft erfolgreich zu sein.

Genau davon profitiert KenFM jetzt. Der Youtube-Algorithmus hat gemerkt, dass die Inhalte dieses Kanals bei bestimmten Zuschauern populär sind. Grund dafür ist hauptsächlich das unsägliche Bill Gates-Video, das inzwischen bei mehr als drei Millionen Abrufen steht. Ich verlinke jetzt bewusst nicht auf dieses Video und erwähne auch den genauen Titel nicht. Dass die Behauptungen in diesem Video ausnahmslos Unfug sind, haben mehrere Journalisten bereits umfangreich nachgewiesen, zum Beispiel T-Online, der Volksverpetzer oder Mimikama.

Darum profitiert KenFM vom Youtube-Algorithmus

Ein solches Video funktioniert als “Leuchtturm”. Es ragt aus dem üblichen Inhalt des Kanals heraus und leitet mit seiner Popularität immer mehr Leute auf KenFM. Wer dieses Video geschaut hat, wird in der Folge weitere Videos vorgeschlagen bekommen, die auch andere Zuschauer von Jebsens Kanal geguckt haben.

Je mehr Nutzer auf diese Vorschläge reagieren, desto exakter wird das Bild, dass der Youtube-Algorithmus vom typischen KenFM-Zuschauer bekommt. Es entsteht das berüchtigte „Rabbit Hole“, vor dem der Ex-Youtube-Entwickler Guillaume Chaslot in einer Folge des Podcasts „Your Undivided Attention“ warnt. Chaslot hat die Plattform inzwischen verlassen und die Initiative AlgoTransparency.org gegründet. Damit will er nachvollziehbar machen, wie die Empfehlungsmaschine auf Youtube funktioniert.

Von der profitiert zum Beispiel ein Interview Jebsens mit dem Mediziner Sucharit Bhakdi, der sich als Kritiker der Anti-Corona-Maßnahmen hervorgetan hat. Hochgeladen ist es auf dem ganz neuen Youtube-Kanal des Arztes. Obwohl dort erst sieben Videos hochgeladen sind, stehen neben dem Jebsen-Interview zwei weitere Videos bei mehr als einer Million Views. Eines hat sogar schon 2,5 Millionen Views. Von so einem steilen Aufstieg träumen viele Nachwuchsyoutuber nachts. Bhakdi scheint ein renommierter Mediziner zu sein. Er spricht aber auch vom „Systemjournalismus“. Er benutzt das Vokabular der Verschwörungslügner. Diese Grenzgänger zwischen Wissenschaftler und Wirrkopf sind hochgefährlich, weil sie dem Wahnsinn einen seriösen Anstrich geben.

Die Gegenoffensive

Ein paar Creator versuchen bereits, ein Bollwerk der Vernunft gegen den Verschwörungswahn zu bilden. An der Spitze der Anti-Jebsen-Front steht derzeit Philipp Walulis, der mit seinem Kanal Teil des öffentlich-rechtlichen Netzwerks „Funk“ ist. Sein Aufklärungsvideo steht aktuell bei einer halben Million Views. Youtube benutzt es bereits als Gegenmittel zu Jebsens Gefasel. Ich habe auch im Inkognito-Modus von Chrome auf  Youtube nach dem Gates-Video gesucht. Damit blende ich mein eigenes Nutzerverhalten für den Algorithmus aus und erlebe die Plattform aus der Perspektive eines Youtube-Neulings. Dabei wurde mir das Walulis-Video noch vor dem Jebsen-Video an erster Stelle in den Suchergebnissen angezeigt. Es ist unklar, ob Youtube hier redaktionell eingegriffen hat oder das eine automatisierte Entscheidung war.

Seiner Zeit voraus war der Journalist Mirko Drotschmann. Auf seinem Kanal Wissen2Go hat er sich schon Anfang April mit verschiedenen Corona-Verschwörungen beschäftigt. Einhalt gebieten konnte er der Verbreitung der Falschbehauptungen damit nicht, trotz einer halben Million Views auf seinem Video. Auffällig sind bei Mirko die vielen Dislikes unter dem Video. 5.000 negative Bewertungen sind zehnmal mehr als er normalerweise bei seinen Videos hat. Auch das Walulis-Video hat rund 6.000 Dislikes. Es zeigt, dass die Jebsen-Hildmann-Front bereits auf die Faktenchecker aufmerksam geworden ist. Die Videos der Aufklärer sind ebenfalls ein Tummelplatz für die Anhänger des Verschwörungswahns. Das ist ein großes Problem: Jedesmal, wenn man drüber redet, auch in besten Absichten, verschafft man den Lügengebilden weitere Aufmerksamkeit.

Auch Youtube-Ikone LeFloid hat sich des Themas bereits angenommen. Typisch für LeFloid gerät ihm leider das ein oder andere durcheinander. Er attestiert Leuten wie Ken Jebsen, sie würden “gesunden Menschenverstand durchblicken lassen, weil sie wissen, was sie sagen sollten und was nicht, um nicht rechtlich belangt zu werden”. Da war das Gates-Video schon ein paar Tage draußen. Nach diesem Ausrutscher des gesunden Menschenverstands findet er aber wenigstens klare Worte zu Naidoo und Attila Hildmann.

Und er beschreibt in seinem Video sehr gut, dass die Algorithmen der Social Networks ein Teil des Problem sind. Wer einmal im Sog der Verschwörungstheorien drin ist, kriegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche Inhalte angezeigt, die den Effekt noch verstärken. Es sei eine “Kacke-Kaskade, die ein Social-Network-Algorithmus aufgelegt hat”.

Youtube muss mehr tun

An der Stelle setzt ein weiterer Youtube-Altmeister an. Auch Christoph Krachten beschäftigt sich auf Clixoom mit Verschwörungstheorien. Christoph nimmt in seinem Video Youtube in die Verantwortung. Er fordert, dass die Plattform mehr gegen falsche Tatsachenbehauptungen tun müssen:

“Es kann nicht sein, dass solche Inhalte so hohe Reichweiten bekommen.”

Und damit hat Christoph völlig Recht. Denn unter den Jebsen-Zuschauern werden eine Reihe vor allem junger Menschen sein, die auf diesem Weg das erste Mal mit den Verschwörungstheorien in Kontakt gekommen sind. In der JIM-Studie 2019 nannten 60 Prozent der befragten Jugendlichen Youtube als liebstes Internetangebot. Trotz Konkurrenz von TikTok, Snapchat oder Instagram: Youtube ist nach wie vor ein wichtiger Teil der Jugendkultur. Die Verschwörungsfantasien sickern nun in diese Welt ein und vermischen sich mit Pop- und Musikkultur zu einer ekligen Brühe. In der deutschen Rapszene ist die jüdische Weltverschwörung schon lange Teil eines antisemitischen Motivkanons, aus dem sich nicht nur Naidoo und Kollegah regelmäßig bedienen. Zuletzt schwadronierte Sido in einer aktuellen Folge der HipHop-Sendung „Ali therapiert“ über die Rothschilds, verschwundene Kinder und die Macht ominöser Familienclans.

Die Kids saugen dieses Gefasel ihrer Idole auf und konstruieren sich ein abstruses Weltbild aus Gangstarap und Gaga-Ideologie. Allein mit Faktenchecks lassen sich die Verschwörungslügner nicht mehr stoppen.

Aber was kann Youtube überhaupt tun?

Fairerweise muss man sagen: Ein paar Dinge passieren ja bereits. Unter Videos zu Covid-19 findet sich ein dauerhafter Link zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Videos von seriösen, journalistischen Medien werden auf der Youtube-Startseite verstärkt empfohlen und hervorgehoben. Wir können auch davon ausgehen, dass Kanäle wie KenFM nicht oder nur sehr eingeschränkt monetarisiert werden. Zumindest habe ich noch keine Anzeige vor einem Video des Kanals angezeigt bekommen.

Außerdem werden Verschwörungstheorien vom Youtube-Algorithmus viel seltener in der Suche angezeigt. Das sagt Youtube selbst. Und es scheint zumindest in Teilen zu stimmen. Einem Bericht der New York Times vom Anfang des Jahres zufolge konnte Youtube die Klicks auf bestimmte Verschwörungstheorien um mehr als die Hälfte reduzieren. Die NYT bezog sich dabei auf eine Studie der Berkeley Universität. In dem Artikel steht aber auch, dass nach wie vor unklar sei, wie die Empfehlungen für jeden einzelnen User zustande kommen, und ob Youtube auch da Maßnahmen ergriffen habe.

Youtube kann Kanäle löschen

Das schärfste Schwert der Google-Plattform ist die Löschung eines Kanals. Auch zu diesem Mittel hat Youtube in der Vergangenheit bereits gegriffen. Das hat die Plattform beim Infowars-Kanal von Alex Jones gezeigt. Der Wortführer der Alt-Right Bewegung in den USA lieferte die Blaupause dafür, wie man mit notorischen Lügnern und Hassrednern umgehen muss. Nach langem Hin und Her hatte Youtube seine hasserfüllten und mit Lügen gespickten Inhalte im Jahr 2018 endlich geblockt und ihn von der Plattform geworfen, genauso wie Facebook und später dann auch Twitter.

Es wäre die Ultima Ratio. Im Falle von KenFM bin ich der Meinung, dass es angebracht wäre, zu diesem Mittel zu greifen. Sein Radikalisierungspotential ist inzwischen einfach zu groß. Und, wie die am Anfang dieses Posts gezeigten Zahlen belegen, sein Wachstumspotential auf Youtube leider auch. Beides zusammen macht ihn zu einer Gefahr für diese Gesellschaft, die man nicht unterschätzen sollte.

Die Macht der Werbekunden

Die Wahrscheinlichkeit, dass Youtube etwas tun wird, ist freilich gering. Solange Jebsen nicht mit der Waffe in der Hand in seinen Videos posiert oder zu Gewalt gegen Juden, Ausländer oder Minderheiten aufruft, verstößt er wohl nicht gegen die Community-Guidelines von Youtube. In denen sind Lügen, Fake News und Verschwörungsbullshit bezeichnenderweise nicht ausdrücklich erfasst.

Wenn Youtube sich bewegt, dann noch am ehesten, wenn es ums Geld geht. Schon einmal haben Werbekunden mit Anzeigenboykotten massiv Druck ausgeübt, als ihre Anzeigen vor schädlichen Inhalten wie Hassbotschaften oder Verherrlichung von Terror ausgespielt wurden. Zahlreiche Unternehmen zogen daraufhin ihre Werbebuchungen von Youtube zurück. Die Einnahmen der Plattform und der Creator gingen massiv zurück. Youtube änderte daraufhin die Bedingungen für sein Partnerprogramm und gab Anzeigenkunden die Möglichkeit, bestimmte Inhalte für Werbung auszuschließen. Das ging im Jahr 2017 als “Adpokalypse” in die Youtube-Geschichte ein.

Sollte es zu einem großflächigen Anzeigenboykott in Deutschland kommen, könnte es passieren, dass Youtube ein Zeichen setzt. Die Werbeeinnahmen bei Youtube sind durch die Coronakrise ohnehin im Keller. Da käme ein Rückzug großer Werbekunden zu einem für Youtube/Google ganz schlechten Zeitpunkt.

Wer zerstört KenFM?

Auch die Creator könnten Druck auf Youtube ausüben. In 2019 haben wir gesehen, wie Rezo die CDU zerstört hat. Welcher große Youtuber wagt es nun und zerstört Ken Jebsen?

Das größte Problem an dieser Stelle: Durch den rechten Terror der vergangenen Jahre, den Mord an Walter Lübcke, die Amokläufe von Halle und Hanau, ist ein Klima der Angst entstanden. Menschen, die ins Visier der Rechtspopulisten geraten, leben in permanenter Gefahr. Der Journalist Richard Gutjahr geht nur noch mit Personenschutz auf Veranstaltungen und ist permanenten Anfeindungen ausgesetzt. Ich habe schon von Youtubern gehört, dass sie keine Videos zu dem Thema machen, weil sie sich nicht dem Furor des rechten Mobs aussetzen wollen.

Und genau das ist die große Gefahr: Dass sich irgendwann keiner mehr traut, dem Irrsinn entgegenzutreten. Umso wichtiger wäre es, endlich ein Zeichen gegen Lügen und Falschinformationen zu setzen. KenFM zu bannen wäre keine Zensur. Es wäre ein Dienst an der Demokratie.

Und nun, um positiv zu enden, lassen wir noch Josef Hader zu Wort kommen. Der weiß nämlich im Gegensatz zu uns allen genau Bescheid, was los ist.

Update 21.05.2020: Inzwischen sind hier die ersten Kommentare reingekommen. Wie erwartet melden sich natürlich auch Leute zu Wort, die meine Meinung nicht teilen. Der ein oder andere wird sich fragen, warum sein Kommentar hier nicht auftaucht. Das möchte ich erklären. Ich moderiere hier jeden Kommentar. Dabei halte ich es wie die Redaktion einer Zeitung mit Leserbriefen. Es gibt keine Garantie auf Abdruck. Teilweise können Kommentare von mir gekürzt werden. Ich entscheide selbst, wer auf meiner Plattform veröffentlichen darf und wer nicht. Das heißt nicht, dass ich zensiere. Ich prüfe redaktionell und veröffentliche auch kritische Stimmen. Was ich nicht veröffentliche sind Stimmen von Menschen, die meine Plattform nutzen wollen, um Verschwörungslügen zu verbreiten. Wer das Vokabular der Populisten benutzt, z.B. Begriffe wie Systemmedien, Umvolkung, Bevölkerungsaustausch, kann sich die Zeit sparen. Sowas wird hier nicht weiter verbreitet. Ich bin jederzeit zu einer Diskussion bereit. Sie muss nur sachlich und auf dem Boden von Tatsachen erfolgen. Danke für euer Verständnis. 

Update 20.11.2020: Der Youtube-Kanal von KenFM ist in der Tat von Youtube gelöscht worden. Ursache sind wohl drei Strikes. Strikes erhält man auf Youtube, wenn man gegen die Community-Richtlinien verstößt oder eine Urheberrechtsverletzung begeht. Die ersten beiden Strikes ziehen nur vorübergehende Einschränkungen oder Sperrungen nach sich. Der dritte Strike bedeutet für einen Kanal das vorläufige Aus. Ken Jebsen hat auf seiner Webseite angekündigt, sich juristisch gegen die Löschung wehren zu wollen. 

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