Zurück in den Giftschrank: Darum sollte Unge seine Verschwörungsvideos löschen

2018-03-17T16:55:32+00:00März 15th, 2018|Online-Video|2 Kommentare
  • Unge, Verschwörung, Verschwörungstheorie, Chemtrail, Flugzeug, Himmel

Während Simon Unge fröhlich Klicks mit Gaga-Videos über Chemtrails und giftige Milch macht, kündigt Youtube endlich Maßnahmen gegen Verschwörungstheorien an. Der Schaden, den Unge angerichtet hat, ist damit allerdings nicht mehr zu reparieren. (Update am 17.3.2018: Unges Darstellung findet sich ganz am Ende dieses Posts.)

Es ist unwahrscheinlich, dass Susan Wojcicki zu den inzwischen mehr als eine Million Menschen gehört, die Simon Unges wirres “Milch ist Gift”-Video seit der Veröffentlichung vor mehr als einer Woche gesehen haben. Ohne es zu ahnen, hat die CEO von Youtuber auf der South-by-Southwest Conference 2018 (SXSW) dennoch ein Statement dazu abgegeben. Wojcicki will derartige Videos in Zukunft für die Nutzer mit Wikipedia-Informationen zu dem jeweiligen Thema ergänzen.

Youtube, Wikipedia, Verschwörungstheorien

So sollen die Wikipedia-Hinweise auf Youtube in Zukunft aussehen. Eigener Screenshot aus dem Youtube-Kanal der SXSW-Konferenz.

Youtube ist sich der massiven Probleme mit Verschwörungstheorievideos auf der Plattform also bewusst. Bis jetzt gab es keine klare Aussage, wie man mit diesen irreführenden und falschen Inhalten gedenkt umzugehen. Auf meine Presseanfrage, ob Youtube die fehlgeleiteten Verschwörungsvideos von Simon Unge auf dem Radar habe, hatte ich nur eine Antwort bekommen: ”No comment!” Überrascht war ich von der Reaktion nicht. Die Fälle, in denen Youtube sich konkret zu Inhalten der Creator äußert, sind rar.

“Er hat es nicht mehr in der Hand.”

Deutlicher sind die Reaktionen von Menschen, die sich beruflich dem Kampf gegen Verschwörungstheorien verschrieben haben. Sebastian Bartoschek von der “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften” (GWUP) klärt seit vielen Jahren über Verschwörungstheorien und ihre Folgen auf. Von den Videos, in denen Unge von Milchverschwörung und Chemtrails faselt, ist er, vorsichtig formuliert, nicht so begeistert: “Er hat es nicht mehr in der Hand, was mit diesen Videos passieren wird. Die werden jetzt in einschlägigen Kreisen verbreitet, als weiterer, angeblicher Beleg dafür, dass die eigenen Theorien stimmen.”

Sebastian Bartoscheks (GWUP) Antwort auf Unges Chemtrail-Video.

An dieser Stelle ist es vielleicht Zeit für einen persönlichen Einschub. Wie der ein oder andere weiß, war ich Pressesprecher bei Mediakraft, als Unge seinen legendären #Freiheit-Shitstorm entfesselte. Damit leistete er einen wesentlichen Beitrag zum Abstieg des Unternehmens aus der ersten Liga der Online-Video-Branche. Außerdem versaute er mir ein Weihnachtsfest mit der Familie. Nicht nur, aber auch deswegen, entschloss ich mich, das Unternehmen Anfang 2015 zu verlassen. Trotzdem, oder komischerweise, mag ich Simon. Eigentlich.

Simon Unge Ungespielt, Amy Herzstark, LeFloid auf der Digitalkonferenz Republica 2013 in Berlin.

Simon Unge (links) auf der Republica 2013. Foto: Tony Sojka re:publica 2013

Das erste Mal getroffen hatte ich ihn auf der Republica 2013, wo er auf einem Youtube-Panel mit LeFloid, Christoph Krachten und anderen saß. Wir hatten uns danach kurz unterhalten, ich fand Simon sofort sympathisch. Später wechselte er bekanntermaßen zu Mediakraft, wo wir uns immer mal wieder über den Weg liefen und gut miteinander auskamen. Es wäre aber übertrieben zu behaupten, dass wir viel miteinander zu tun hatten. Es waren sporadische Kontakte, wenn ich zum Beispiel Interviewanfragen an ihn weiterleitete. Unmittelbar vor, während und seit #Freiheit hatte ich keinen Kontakt mehr zu Simon.

Verschwörungstheorien sind kein Spaß

Aber ich kenne Simon persönlich. Und das verbindet. Als ich sein Chemtrail-Video sah, ging es mir darum zunächst wie vielen anderen Zuschauern: Ich war ernsthaft besorgt um seinen Gesundheitszustand. Dass Youtuber psychisch krank werden, ist beileibe nichts Neues oder Ungewöhnliches. Ich meldete mich daraufhin bei Simons Management und fragte nach. Nach diesem Austausch und seinem letzten Video, in dem er in den kindischen Schlagabtausch mit Tanzverbot zurück verfiel (wer hier nur Bahnhof versteht: nicht weiter schlimm), denke ich, dass Simon den Schwachsinn, den er da verzapft, nicht wirklich glaubt. Was aber die Sache nicht besser macht. (Ein direktes Gespräch mit ihm kam übrigens noch nicht zu Stande.) Bei aller Sympathie für Simon: Verschwörungstheorien sind kein Spaß, ihre Anhänger schaden Menschen und Rechtspopulisten benutzen sie, um das Vertrauen in die Demokratie zu untergraben. Wer mit ihnen Aufmerksamkeit erregen und Klick generieren will, handelt meiner Meinung nach verantwortungslos.

Simon, ich finde, Du solltest diese Videos löschen! Sie gehören nicht auf Youtube!

Dass das so ist, wissen sie im Übrigen auch bei Youtube. Nur wissen sie noch nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. Vor wenigen Wochen hatte es eine deutliche Reaktion seitens der Plattform gegeben. Der amerikanische Alt-Right-Wirrkopf Alex Jones hatte auf seinem Kanal “Infowars” nach dem Amoklauf mit 17 toten Menschen an einer Highschool in Florida eine Lüge verbreitet. Jones behauptete, einer der Schüler, die sich seit dem öffentlich für schärfere Waffengesetze einsetzen, sei ein bezahlter Schauspieler. Das Video stand zwischenzeitlich auf Platz Eins der Videotrends. Mit Verspätung griff Youtube ein und löschte das Video mit der Begründung, es verletze die Community-Richtlinien.

Das sah zunächst nach hartem Durchgreifen aus. Kurz darauf allerdings verhielt sich Youtube dann wieder so, wie man die Plattform inzwischen kennt: maximal verwirrend. Übereifrige Mitarbeiter hatten weitere Kanäle gelöscht, die “Infowars” inhaltlich nahe stehen, also Befürworter von Waffenbesitz und Rechtspopulisten. Dies sei allerdings irrtümlich geschehen, verkündete Youtube. Und stellte die entsprechenden Accounts wieder online.

Mit Wikipedia gegen Fake News?

Ganz offenbar tut sich Youtube mit seiner neuen Strategie selbst noch schwer. Bessere und schärfere Kontrolle von fragwürdigen Inhalten hatte Susan Wojcicki zum Jahreswechsel angekündigt. Dazu gehören vor allem extremistische Inhalte. Aber auch Verschwörungstheorien und das, was heutzutage so als “Fake News” bezeichnet wird. Die sollen in Zukunft mit Infos aus der Wikipedia ergänzt werden, um den Zuschauern direkt verlässliche Informationen und Fakten anzubieten (wie zuverlässig Wikipedia ist, ist ein anderes Thema, aber gut).

Susan Wojcicki auf der SXSW.

Auf der SXSW zeigte Wojcicki als Beispiel ein Video, dass sich mit Verschwörungstheorien zur Mondlandung beschäftigt. Demnächst soll unter dem Video ein direkter Link zum entsprechenden Eintrag zur Mondlandung auftauchen. In ein paar Wochen soll das Feature ausgerollt werden, ob auch außerhalb der USA ist derzeit unklar.

Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ob er ausreicht, wird sich zeigen. Das Problem beim Kampf gegen Fake News sind ja nicht die fehlenden Fakten. Die sind reichlich vorhanden. Sondern die Art und Weise, wie derartige Lügenkonstrukte dank Youtube eine völlig neue Verbreitung finden. Sebastian Bartuschek sagt: “Youtube ist die Hauptschleuder für Verschwörungstheorien. Dort bewaffnen sich deren Vertreter für Diskussionen, die dann auf Facebook weitergehen.

“Das sehen die gar nicht mehr.”

Was Bartoschek besonders aufregt: Creator wie Simon Unge haben großen Einfluss bei jungen Menschen, Stichwort: Influencer. Kindern und Teenagern fehlt aber die Reife und das Hintergrundwissen, derartigen Unfug richtig einzuordnen: “Die gehen da völlig unbedarft ran und werden in diese Kreise reingezogen. Selbst, wenn Unge die Videos nachträglich als vermeintliche ,Satire’ auflösen würde, sind einige Zuschauer vielleicht schon verloren. Ein mögliches “Aufklärungsvideo” sehen die schon gar nicht mehr.” Und selbst wenn, wird das vermutlich keinen Effekt haben: “Anhänger von Verschwörungstheorien immunisieren sich üblicherweise dagegen. Dann wird halt behauptet, ,das System’ habe Unge zu so einem Video gezwungen”, sagt Bartoschek.

Screenshot Youtube, Simon Unge, Chemtrails

Unge schon weit oben. Die ersten drei Suchergebnisse auf Youtube zum Suchbegriff „Chemtrails“. Youtube-Screenshot von mir. ”

Fest steht: Unges wahnwitzige Kampagne wird langfristig Folgen haben. Videos vom Unge-Shitstorm stehen bei der Suche nach “Mediakraft” auch nach drei Jahren immer noch ganz oben in den Ergebnissen. Jetzt hat Unge Verschwörungstheorien dauerhaft im Youtube-Algorithmus verankert. Egal, ob Nutzer nach Unge, Milch, Chemtrails oder Verschwörungstheorien suchen, sie werden nun seine schlecht recherchierten und irreführenden Videos zu Gesicht bekommen. Ob ein paar Wikipedia-Links ausreichen werden, diesen Teufel wieder in die Kiste zu bekommen, wage ich zu bezweifeln.

UPDATE 17.03.2018

Inzwischen hat Unge die Aktion aufgelöst. Es war wohl eine Art „Medienexperiment“, bei dem es darum ging, Leute zu „triggern“ und ein möglichst großes mediales Echo auszulösen. Unge wollte wissen was passiert, wenn er einen Shitstorm auf sich zieht und „seinen Ruf um 180 Grad dreht.“ Ich bleibe dabei, dass dies der denkbar schlechteste Weg war, ein solches Experiment zu starten. Das große Problem bleibt, dass er diesen ganzen Verschwörungstheorien zu unnötiger Aufmerksamkeit verholfen hat und wirres Gedankengut in seiner Zielgruppe verbreitet hat. Ich glaube auch nicht, dass die Aktion leicht zu durchschauen gewesen sei, wie er sagt. Es war ein Hoax. Aber kein besonders guter.
Hier ist Unges Darstellung in voller Länge.

2 Comments

  1. Droid Boy 15. März 2018 um 15:07 Uhr - Antworten

    Wir haben darüber auch schon diskutiert: Im Grunde müsste dein letzter Satz heißen: Wir brauchen mehr Bildung! Denn meiner Meinung nach ist es nicht die Aufgabe von YouTube oder einer anderen Plattform wie Facebook oder Twitter darüber zu bestimmen, welche Inhalte richtig oder falsch sind (OK, mal abgesehen von demokratiegefährdenden Russen-Wahlwerbung für den falschen Präsidenten). Wir brauche mündigere Bürger, die wissen wie man mit solchen Informationen umzugehen hat.

    Ansonsten: Guter Artikel und besonders deine Nähe zu Mediakraft und Unge macht die Sache glaubwürig und authentisch. Merci dafür!

  2. Struppi 20. Juni 2018 um 13:52 Uhr - Antworten

    Mir ist nicht klar warum alle denken private Internetseiten wären für die Weiterbildung der Jugend zuständig?
    Und warum auf Youtube es darum geht was „richtig“ und was „falsch“ ist.

    Schlimmer als solche Scherze finde ich Videos wo fragwürdige Menschen- und Rollenbilder vermittelt werden. Sei es wenn es um das geschlecht geht, aber auch Religion wird heute immer häufiger benutzt, um Menschen zu kategorisieren.

    Für mich klingen die Vorwürfe über Verschwörungstheorien danach, dass sich Journalisten um die Deutungshoheit sorgen machen. Aber es gab auch früher „falsche“ Bücher und Zeitschriften und mir ist nicht klar, welchen Auftrag Journalisten hier erfüllen, wenn sie Inhalte verbieten wollen.

    Für mich ist das eine an sich bedenkliche Entwicklung in Richtung einer Medienwelt, die von einer bestimmten Schicht Menschen übernommen wird und alle anderen Stumm machen will. Ein Mittel dazu sind die Attributierungen, wie z.b. Verschwörung, Rechts oder Russenfreundlich. Zack weg damit.

    Das gefällt mir nicht und ist nicht meine Vorstellung von Meinungsfreiheit.

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