Eins muss man Star Trek: Discovery lassen: Die Serie traut sich was. Im Jahr 2019 eine Serie mit Original Footage von Star Trek: Raumschiff Enterprise aus dem Jahr 1966 anzufangen und es nahtlos in die Handlung einzubauen, das ist gewaltig. Aber genauso beginnt die achte Folge von Staffel Zwei von Star Trek: Discovery. Sie leitet eine neue Phase in der Handlung ein, die in der neunten Folge auf dramatische Weise fortgesetzt wird. Da ich beide Folgen direkt hintereinander gesehen habe werde ich ausnahmsweise beide gemeinsam bewerten.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die komplizierte Beziehung zwischen Michael Burnham und Spock. Nachdem die ungleichen Adoptivgeschwister von Sektion 31 fliehen konnten, sind sie auf den Weg nach Thalos IV. Der geheimnisvolle Planet ist Tabuzone für die Föderation. Der Grund dafür liegt in der Vergangenheit von Captain Pike: Als Captain der Enterprise entdeckte er, dass die Bewohner dieses Planeten über gewaltige psychische Kräfte verfügen, mit denen sie Gedanken über große Entfernungen kontrollieren und manipulieren können. Auf genau diese Fähigkeiten setzt Spock: Er hofft, dass die Thalosianer ihm helfen können, seine wirren Gedanken, Visionen und Emotionen rund um den Red Angel wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Die Thalosianer wünschen im Gegenzug Einblicke in die gemeinsamen Erinnerungen von Spock und Burnham. Und zwingen die beiden damit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Auf der Discovery spitzen sich indessen mehrere Situationen zu. Wie es scheint, versucht Sektion 31 die Kontrolle über die Föderation an sich zu reißen, um mit dem weiterhin mysteriösen Red Angel fertig zu werden. Und an Bord der Discovery häufen sich die Zwischenfälle. Irgendjemand sabotiert die Versuche der Crew, Spock und Burnham zu erreichen. Der Verdacht fällt auf Ash Tyler, den Verbindungsoffizier zu Sektion 31. Mit dem hat außerdem Hugh Culber, der auferstandene Arzt der Discovery, ein Hühnchen zu rupfen. Immerhin war es Tyler in Voq-Mode, der Culber ins mycellische Jenseits befördert hat. Si klären ihre Differenzen auf die altmodische Art: Die beiden leisten sich eine amüsante Kneipenschlägerei in der Kantine des Raumschiffs.

Beziehungsprobleme

Zwei Charaktere sind in “When Memory serves” auf der Suche nach sich selbst: Spock und Hugh Culber haben durch traumatische Erlebnisse den Glauben an das eigene Ich verloren. Um mit sich wieder ins Reine zu kommen, müssen sich dabei den Menschen stellen, die ihnen besonders nahe stehen. Sowohl Familien- als auch Liebesbeziehungen sind kompliziert und oft widersprüchlich: Sie können gleichzeitig Ursache und Lösung eines Problems sein. Die glaubwürdigen Spannungen zwischen Spock und seiner Adoptivschwester und Culber und seinem Lebensgefährten Stamets sind es, die dieser Folge Leben und Kraft verleihen.

Dass Discovery wieder zu alter Charakterstärke zurückfindet, ist auch deshalb wohltuend, weil man sich damit endlich wieder richtig an dem nach wie vor beeindruckendem visuellen Stil der Serie erfreuen kann. Star Trek: Discovery ist die wahrscheinlich am besten aussehende Science-Fiction-Serie, die es zur Zeit gibt. Die denkwürdige Ankunft von Spock und Burnham auf Thalos IV mitten in ein vermeintliches Schwarzes Loch hinein ist nur ein Beispiel für das kinowürdige Spektakel, das diese Serie jederzeit entfachen kann. Aber der Style sollte nie die Substanz überlagern. Die nächste Folge ist ein Musterbeispiel dafür, wie die visuelle Brillanz die Handlung ergänzen und zur Atmosphäre beitragen kann.

Dramatisches Finale in Episode 9

Zu Beginn der neunten Episode sehen wir ein Shuttle aus dem Gegenlicht eines Sterns langsam an das im Schatten eines Planeten wartende Raumschiff heran schweben. Es ist eine epische, ruhige Ouvertüre, die sich Jonathan Frakes in seiner dritten Regie bei Discovery gönnt. In den folgenden 45 Minuten wird er Tempo und Spannung allerdings stetig erhöhen. Das große Finale von “Project Daedalus” gerät zum epischen und dramatischen Höhepunkt der bisherigen Staffel.

An Bord des besagten Shuttles ist Admiral Cornwell und sie kommt mit schlechten Nachrichten. Sektion 31 ist buchstäblich außer Kontrolle geraten: “Control”, das strategische Analyseprogramm des Geheimdienstes, reagiert nicht mehr auf ihre Befehle. Auch die Admiräle, die die sinistre Organisation führen, scheinen nicht mehr auf dem Boden der Sternenflottengrundsätze zu stehen. Cornwell will mit Hilfe der Discovery die Sektionschefs zur Strecke bringen und die Kontrolle über Sektion 31 zurückgewinnen. Auch, wenn sie damit vor einem Kriegsgericht enden könnten. Was Cornwell nicht ahnt: Der wahre Feind befindet sich bereits an Bord der Discovery.

Schnitt zu Airiam, die zur Protagonistin dieser Episode werden soll. Die kybernetisch verbesserte Wissenschaftsoffizierin ist seit Folge 1 Teil der Besetzung von Discovery, agierte aber meist im Hintergrund der Brücke. Was es mit der mysteriösen Cyborg-Frau auf sich hat, erfahren wir erst, als wir gemeinsam mit Silvia Tilly ein paar Einblicke in ihre Vergangenheit bekommen. Ein Shuttleunglück führte zu ihrer Transformation, die ihr einen großen Teil ihrer Menschlichkeit raubte, ihr dafür aber überragende analytische Fähigkeiten verlieh. Es sind ein paar berührende, intime Momente zwischen Tilly und den anderen, jungen Brückenoffizieren, die wir hier erleben dürfen. Der einzige Fehler an dieser Stelle ist, dass wir Airiam erst jetzt auf diese persönliche Weise kennen lernen. Derartige Charaktermomente hätten gerne häufiger kommen dürfen. Sie hätten das wuchtige Finale dieser Folge noch intensiver gemacht.

Ghost in Airiam’s Shell

Denn Airiam steht im Mittelpunkt einer dramatischen Bedrohung, nicht für die Föderation sondern für die gesamte Galaxis. Die Gefahr, die von Control ausgeht, reicht viel weiter: Offenbar hat sich die KI der Sektion 31 soweit entwickelt, dass sie begonnen hat, eigene Entscheidungen zu treffen und sich gegen ihre Schöpfer zu wenden. Und sie hat Besitz von Airiam ergriffen. In der Datenbank der Discovery befindet sich immer noch das Jahrhunderttausende alte Wissen der Sphäre aus Folge vier, “An Obol for Charon”. Dieses Wissen will Control benutzen, um sich weiter zu verbessern. Und Airiam ist der Kurier. Fremdgesteuert von der KI schafft sie es, mit einem Außenteam an der Bord des Hauptquartiers von Sektion 31 zu gelangen. Dort offenbart sich das schreckliche Geheimnis rund um Control: Die Führung des Geheimdienstes ist längst ausgeschaltet. Und die Discovery soll als nächstes drankommen. Burnham steht vor einer schrecklichen Entscheidung: Ist sie bereit, ein Crewmitglied zu opfern, um den Rest zu retten?

Mit Projekt Daedalus schwingt sich Discovery endlich wieder zu alter Stärke auf. Die Spannung an Bord der tiefgefkühlten und lebensfeindlichen Station von Sektion 31 ist mit Händen zu greifen. Sie steht im starken Kontrast zur Atmosphäre an Bord der Discovery, deren Crew wir hier so gut wie in noch keiner Folge kennen lernen. Endlich erfahren wir mehr über die jüngeren Offiziere dieses Raumschiffs und sei es nur für ein paar Sekunden, wie in der Szene, in der Airiam mit dem taktischen Offizier Rhy trainiert. Dass das kurze Nahkampftraining zugleich einen Vorgeschmack auf das Finale dieser Folge gibt, erfahren wir erst später: Dass Airiam austeilen kann, wird auch Michael Burnham noch zu spüren bekommen.

Einziger Schwachpunkt dieser Folge ist nach wie vor die Figur des Spock. Während sich um ihn herum die Ereignisse hochschaukeln, ist der Vulkanier vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die Versuche von Michael Burnham, ihren Bruder aus der Reserve zu locken, erweisen sich als wenig tauglich, eine Schachpartie zwischen den beiden wirkt angesichts der dramatischen Entwicklungen um sie herum sogar unfreiwillig komisch. Ethan Peck gibt sich alle Mühe, aus seiner Rolle herauszuholen was geht. Doch die Drehbuchautoren schaffen es nicht, Spock eine sinnvolle Aufgabe zuzuweisen. Wie bestellt und nicht abgeholt steht er in der Kulisse von Discovery herum, abgekoppelt von den restlichen Ereignissen.

Das Beispiel Airiam zeigt, dass diese Serie durchaus dazu in der Lage ist, einen Charakter innerhalb kurzer Zeit mit Leben zu füllen und ins Zentrum der Handlung zu katapultieren. Vielleicht gelingt das ja auch noch mit Spock.